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Der Einstieg in den Text

9 Beispiele (von Profis), wie man eine fesselnde Einleitung schreibt

Um die verschieden Möglichkeiten zu veranschaulichen, wie man einen Text so beginnt, damit der Leser ihn möglichst zu Ende liest, gehen Blogposts oder Artikel zu diesem Thema nach Schema F vor: Erst wird die Theorie kurz umrissen und dann mit einem Beispiel, z.B. einem Zeitungsausschnitt bekräftigt. Wir glauben aber: andersherum funktioniert es besser. Warum nicht Beispiele von gestandenen Redakteuren begutachten? Und überlegen: Welche allgemein gültigen Aussagen lassen sich daraus ableiten?

Haben Sie beim Lesen Ihrer Zeitung o.Ä. schon mal darauf geachtet, mit welchen stilistischen Mitteln der Autor versucht, Ihr Interesse zu wecken? Bringt er das Wichtigste gleich am Anfang? Erzeugt er Spannung? Arbeitet er mit Gegensätzen? Beschreibt er eine Szene? Zieht er Sie mit einem lustig-ironischen Vergleich in den Bann. Spricht er Sie als Leser direkt an? (So wie in diesem Einstieg?) Oder startet er mit einem Zitat in den Text? All das kann funktionieren – keine Frage – doch warum eigentlich?

Um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, haben wir uns einige Beispiele von professionellen Redakteuren der ZEIT, der Frankfurter Allgemeinen, des Tagesspiegels, der Süddeutschen Zeitung, des Spiegels, der Computerwoche, der Geo und der Welt etwas genauer angesehen. Und überlegt: Lassen sich daraus auch allgemeine Erkenntnisse ableiten, wie man das Interesse des Lesers weckt? So viel vorab: Viele Autoren scheinen sich unsere (Ur-) Instinkte, unterbewussten Ängste und andere psychologische Triebfedern zu Nutze zu machen.

1. DER FRÜHER-HEUTE-GEGENSATZ

Dieser Klassiker funktioniert eigentlich immer: Der Hinweis darauf, dass etwas früher völlig anders war als heute, weckt Interesse beim Leser, weil eine solche Botschaft auch immer insinuiert, dass das, worüber im Artikel geschrieben wird, den Leser persönlich betrifft. Schließlich lebt er im Hier und Jetzt und wenn sich die Dinge diametral ändern, dann hat das Auswirkungen auf das eigene Leben. Und wer bitteschön interessiert sich nicht für sich selbst?

Wichtig bei dieser Art von Einstieg:
Es nicht übertreiben. Vieles ändert sich im Vergleich zu früher und nicht jede Änderung ist so erwähnenswert, dass sie genug Spannung erzeugt für eine gelungene Einleitung.

EIN ARTIKEL ÜBER DIE AKTUELLE ÖKOLOGISCHE LAGE AUF DER WELT. QUELLE: „ANDERS LEBEN, ANDERS REGIEREN” ZEIT (49/2018)

2. DER TECHNISCHE-WANDEL-ERFORDERT-DIES-UND-DAS-EINSTIEG

EIN ARTIKEL ÜBER DIGITALISIERUNG IN EUROPA: „DIGITALE 360-GRAD-ÖKONOMIE” AUS: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (19.11.2018)
EIN ARTIKEL ÜBER AKTUELLE TRENDS: „ZEHN DISRUPTIVE TECHNOLOGIETRENDS FÜR 2019” AUS: COMPUTERWOCHE (19.11.2018)

Wann diese Art von Einstieg wohl das erste Mal benutzt wurde? Auch wenn heute technische Innovationen wesentlich schneller die Welt erobern, so sind tiefgreifende technische Veränderungen doch keine exklusive Erscheinung des 19. oder 20. Jahrhunderts. Selbst der Buchdruck von Gutenberg wurde von nicht wenigen Zeitgenossen als eklatante Gefahr wahrgenommen und als „Schwarzen Kunst” diffamiert. Welche Lehre wir daraus ziehen? Technik hatte schon immer das Potenzial, das Leben der Menschen auf den Kopf zu stellen, in dem bisher Bekanntes durch Neues ersetzt wurde. Dass die Menschen – aufgrund nicht beherrschbarer Veränderungen – es mit der „Angst” (vgl. rechts) zu tun bekommen, oder das Unternehmen ihre Geschäftsmodelle (vgl. links) in Frage stellen müssen: Tja, so etwas kennzeichnet jeden echten Wandel. Und egal ob mit Euphorie oder Angst – Menschen reagieren immer sensibel auf Veränderungen und lesen über sie mit Spannung, Entsetzen, Euphorie oder Missmut.

3. EINE PERSON TUT ETWAS, DAS SIE SONST EIGENTLICH NICHT TUT

ARTIKEL ÜBER DIE SPENDENAFFÄRE VON ALICE WEIDEL: „GRÜEZI, UND AUF WIEDERSEHEN” AUS: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (19.11.2018)

Die Person könnte natürlich auch eine Sache sein: Man denke nur an einen Vulkan, der nach tausendjährigem Dämmerschlaf plötzlich Feuer spuckt. Warum so etwas gut zieht? Wohl der Überraschungseffekt, der in solchen Meldungen steckt. Jahrelang kannte man die Person x/y für dies und das, doch plötzlich tut sie jenes, also etwas, das so niemand von ihr kannte. Irgendwie logisch, dass das Interesse weckt. Jeder kennt das aus seinem Privatleben oder aus typisch zwischenmenschlichen Situationen. Es ist einfach erwähnenswert, wenn Kurt der Kellner plötzlich – nach 20 Jahren erfolgreichem Daseins als Gastronom – Pilot wird. Oder Taxifahrer. Schuhputzer. Egal. Es zählt, dass es plötzlich anders ist.
Welche Lehre kann man daraus ziehen? Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Alles, was plötzlich nicht mehr so abläuft, wie wir es gewohnt sind, weckt unser Interesse und eignet sich daher gut für einen gelungen Einstieg.

4. DER SZENISCHE EINSTIEG: MITTEN INS GESCHEHEN

ARTIKEL ÜBER DIE „GILETS JAUNES” IN FRANKREICH: „MAJESTÄT, DAS VOLK IST UNBERECHENBAR” AUS: FRANKFURTER ALLGEMEINE (19.11.2018)
ARTIKEL ÜBER EINEN SCHWEIZER AKTIVISTEN, DER VOR 18 JAHREN AUF BORNEO VERSCHWAND: „WAS GESCHAH MIT BRUNO MANSER” AUS: GEO (11/18)

Aufmerksame Zeitungsleser wissen: Diese Art von Einstieg ist mit die Häufigste. Bei so gut wie allen Reportagen nutzen die Autoren den szenischen Einstieg. Doch warum wird gerade dieser Einstieg von Journalisten frequentiert? Die Idee dahinter ist kein Geheimnis: Der Leser soll möglichst nahe an das Geschehen gelockt werden. Ausführlich geschilderte Gefühle, Eindrücke, Geschmäcker, Gerüche usw. sollen beim Leser Assoziationen oder wenn möglich: Erinnerungen wecken. Denn je verbundener der Leser sich mit dem Geschilderten fühlt, desto eher wird er den Artikel auch zu Ende lesen. Allgemeiner gesagt: Szenen schaffen Stimmung. Wer die Stimmung des Lesers trifft – so die Hoffnung – hat ihn für sich gewonnen. Tipp: So außergewöhnlich die Szene auch sein mag: Ein Einstieg darf nicht ausschweifen. Daher gilt: sich kurz halten und möglichst schnell zur eigentlichen Sache kommen, so schön die Szenerie auch sein mag.

5. ZAHLEN, FAKTEN, ZAHLEN: DER SO-VIELE-SIND-BETROFFEN-EINSTIEG

ARTIKEL ÜBER DROHENDE FAHRVERBOTE: „AUF BERLINS AUTOBAHNEN DROHEN FAHRVERBOTE” AUS: TAGESSPIEGEL (17.11.2018)
ARTIKEL ÜBER DAS ANSEHEN DER EUROPÄISCHEN UNION (EU) IN DER BEVÖLKERUNG: „EIN STERNCHEN FÜR EUROPA” AUS: ZEIT (49/2018)

Haben große Zahlen eine große Wirkung? Sagen wir mal so: Große Zahlen signalisieren Bedeutung und sind fast immer von Wichtigkeit. Die Dynamik dahinter ist im Grunde einfach zu verstehen: Nur wenn es viele betrifft, wird darüber berichtet. Überspitzt formuliert: Ein Leprakranker interessiert – mit Verlaub – kein Schwein. Aber denken Sie an ein ganzes Dorf, eine Stadt oder gar eine Region voller Leprakranken – dann laufen die Druckerpressen, oder moderner gesprochen: die Social-Media-Portale heiß. Der Einstieg über Zahlen oder Prozentpunkte hat genau diese Bedeutung: Es geht sehr viele Menschen etwas an und daher ist es von Interesse. Die Mehrheit ist dafür und trotzdem passiert es nicht! Warum? Verständlich, dass Leser dabei die Ohren Spitzen.

6. ENTLARVUNG VERMEINTLICHER GEGENSÄTZE

ARTIKEL ÜBER EXPORTÜBERSCHÜSSE IN DEUTSCHLAND „BACHBLÜTENÖKONOMIE” AUS: SPIEGEL (17.11.2018)

Verständlich, dass so etwas bei den Lesern zieht. Jahrelang dachte man genau zu wissen, wo die Grenzen zwischen linker und rechter Politik verlaufen und plötzlich das: Die Gegensätze sind weg, behauptet zumindest der Autor. Im Grunde ist diese Art von Einstieg ein Spiel mit den vermeintlichen Gewissheiten des Lesers. Das was ich zu wissen glaubte, wird auf einmal in Frage gestellt: Das muss mich dann logischerweise auch interessieren, wenn Schwarz und Weiß auf einmal nicht mehr Schwarz und Weiß sein sollen. Wichtig bei dieser Art von Einstieg: Als Autor sollte man die Entlarvung eines vermeintlichen Gegensatzes (oder einer vermeintlichen Gewissheit) immer gut begründen können. Echte Gegensätze lösen sich schließlich nicht einfach so in Luft auf, nur für eine gute Einleitung erst Recht nicht.

7. ZUSPITZEN… ÜBERTREIBEN… WITZIG SEIN… WORTSPIELE UND METAPHERN SIND AUCH ERLAUBT!

ARTIKEL ÜBER DIE FRANZÖSISCHE POLITIKERIN SÉGOLÈNE ROYAL: „REVUETÄNZERIN,SCHNEPFE, KUH” AUS: WELT (17.11.2018)
ARTIKEL ÜBER DIE VERTEIDIGUNGSMINISTERIN URSULA VON DER LEYEN: „WER BERÄT BERATER-BERATER?” AUS: ZEIT (49/2018)

Solange der Witz, die Übertreibung oder die Zuspitzung nicht einfach aus der Luft gegriffen, sondern aufgrund von Fakten gerechtfertigt sind, spricht nichts dagegen, den Leser mit einem Schmunzeln zum Weiterlesen zu animieren. Übertreibungen und Zuspitzungen wecken natürlich die Neugier beim Menschen. Man will dann wissen, was dahinter steckt. Und ein guter Witz oder eine Scherzfrage hat schließlich noch niemanden geschadet. Hier schadet auch nicht ein Blick in Social Media: Wortspiele haben Konjunktur und dürfen auch als Einstieg in einen Artikel gut und gerne eingesetzt werden. Doch auch hier gilt: Maß halten und es nicht übertreiben: Der Rubikon hin zur Unseriösität ist schneller überschritten als man denkt.

8. DAS PFERD VON HINTEN AUFZÄUMEN

ARTIKEL ÜBER EINE FRAU, DIE MITTELS GENANALYSE DIE IDENTITÄT IHRES VATERS HERAUSFINDEN MÖCHTE: „WIE ICH WURDE, WER ICH BIN” AUS: GEO (11/18)

Ein weitere Klassiker, insbesondere bei Reportagen: Man erzählt zuerst das Ende. Auch wenn Fans von Romanen alle verteufeln würden, die ihnen den Ausgang ihres Bestsellers verraten, bevor sie ihn zu Ende gelesen haben, gilt das Prinzip des „Spoiler-Alerts” im Journalismus nur eingeschränkt. Hier erfahren wir (vgl. Bild) ganz am Anfang schon, dass die Frau ihren Vater am Ende gefunden hat. Na toll, da hat der doch schon am Anfang das Spannendste verraten, oder nicht? Nein: den Journalisten bei der GEO ging es um etwas völlig anderes in dem Beitrag. Kern der Geschichte ist nicht dass sie ihn, sondern wie die Tochter ihren Vater findet: nämlich mit den aktuellsten und neuesten Methoden der Genforschung, die im Zentrum der Reportage stehen. Dass das Ende also bereits am Anfang verraten wird, hat folgenden Grund: Beim Leser sollen sofort andere Fragen (z.B. wie? oder warum?) in den Fokus rücken und so sein Interesse am Artikel befeuern. Anders gesagt: Nur weil man bereits den Ausgang einer Geschichte kennt, heißt das nicht, dass man nicht wissen will, wie es dazu gekommen ist.

9. DER EINMALIG-IN-DER-GESCHICHTE-EINSTIEG

ARTIKEL ÜBER DIE DEBATTE IM BUNDESTAG ÜBER DEN MIGRATIONSPAKT: „UNTER KEINEM GUTEN STERN” AUS: ZEIT (49/2018)

Im Grunde ist ein solcher Einstieg die spitzeste Spielart des eingangs beschriebenen Früher-Heute-Gegensatzes, nur insinuiert der Passus „zum ersten Mal in der Geschichte”, dass es etwas früher überhaupt nicht gegeben hat. Deshalb ist es wirklich neu und steht einmalig für sich. Und wenn eine Weltneuheit, also ein etwas nie da Gewesenes, kein Interesse beim Leser weckt – was soll es dann tun?
Aufgepasst: Sorgfältig recherchieren! Viele Autoren sind historischen Daten schon auf den Leim gegangen. Was, wann und wo zum allerersten Mal passiert ist, erschließt sich dem Laien nicht immer gleich und ist oft Wissen von Experten ihres jeweiligen Fachgebiets.

FAZIT UND AUSBLICK


Noch zwei Dinge zum Abschluss: Diese Auswahl ist rein subjektiv getroffen und deckt niemals alle Möglichkeiten ab, wie man einen gelungenen Einstieg schreiben kann. Damit kommen wir gleich zum zweiten Punkt: Es gibt dafür auch keine allgemein verbindlichen Regeln. Selbst beim szenischen Einstieg wurden Zweifel laut über die „Wirkmächtigkeit” beim Leser, für die in journalistischen Handbüchern geworben wird. Darüber mag man trefflich streiten, doch schließlich steht etwas anderes im Fokus: das Interesse des Lesers zu wecken. Wie man das erreicht, ist zweitrangig. Gleichwohl zeigt der Blick auf die Arbeit von Profis, dass gewisse Einstiege öfter vorkommen als andere. Wer etwas dazulernen will, ist sicher gut damit beraten, Einstiege in Zukunft aufmerksamer zu lesen – und sich dabei folgenden Fragen zu stellen:

Auf welche Instinkte zielt der Autor ab? Welche psychologischen Triebfedern macht er sich zu nutze? Nur so können auch neue Ideen entstehen und ein frischer, unorthodoxer Einstieg besitzt von Natur aus das Potenzial, Neugierde beim Leser zu wecken.

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