Ist Einfachheit eigentlich nur versteckte Komplexität? Warum einfache digitale Produkte oft die schwierigsten sind

„Mach es einfach.“ Das ist wahrscheinlich einer der kompliziertesten Sätze, wenn es um digitale Projekte geht. Denn gerade das, was einfach aussieht, ist es selten. Im Gegenteil: Je intuitiver ein digitales Produkt für die Nutzerin oder den Nutzer ist, desto mehr Arbeit wurde höchstwahrscheinlich im Hintergrund geleistet. 

und genau das ist es, was ein digitales Produkt erreichen möchte: Die Komplexität soll im Hintergrund bleiben, während die Nutzung so einfach und intuitiv wie möglich ist.

Wie viel Arbeit hinter einem scheinbar einfachen Prozess steckt, zeigt sich am Beispiel eines Suchfelds. Nutzerin oder Nutzer geben einen Suchbegriff ein und erhalten ohne großen Aufwand ein passendes Ergebnis zu ihrer Suche:

Aus Nutzersicht sind es drei Schritte: Begriff eingeben, Enter drücken, das passende Ergebnis erhalten.

Schnell und einfach zum Ergebnis – zumindest für die Nutzerin oder den Nutzer. Denn damit am Ende tatsächlich das richtige und nicht irgendein Ergebnis erscheint, muss das Produkt im Hintergrund eine ganze Reihe von Problemen lösen:

  • Was passiert bei Tippfehlern?
  • Werden Vorschläge beim Tippen angezeigt? Wenn ja, welche?
  • Was passiert, wenn es keine Treffer gibt? Was passiert bei 10.000 Treffern?
  • Wie werden Ergebnisse priorisiert? Wie funktionieren Filter und Sortierung?
  • Was passiert bei einem API-Fehler? Wie wird ein Ladezustand dargestellt?
  • Funktioniert die Suche auf dem Smartphone genauso gut? Ist sie vollständig per Tastatur bedienbar?
  • Welche Ergebnisse darf die jeweilige Person überhaupt sehen?

Genau darin liegt das Paradox guter digitaler Produkte:

Komplexität verschwindet nicht. Wir entscheiden nur, wer sie tragen muss.

Das ist eine der wichtigsten Aufgaben guter Produktgestaltung: Nicht jede Entscheidung, die technisch möglich ist, muss auch eine Entscheidung sein, die von einem Mensch getroffen wird.

Was Nutzer sehen und was das Produkt lösen muss

Vier Schritte auf der einen Seite, zwölf Entscheidungen auf der anderen: Die Arbeit verschwindet nicht, sie wechselt nur die Seite.

Wo landet die Komplexität?

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten.

1. Die Komplexität landet beim Nutzer

Das System überlässt möglichst viele Entscheidungen der Person, die es benutzt.

Dieselbe Suche, nur andersherum verteilt: Kategorie, Zeitraum, Suchbereich, Sortierung – und die Korrektur der eigenen Eingabe übernimmt der Nutzer.

Das System ist dadurch wahrscheinlich einfacher zu entwickeln. Für die Nutzerinnen und Nutzer ist es jedoch komplizierter. Sie müssen mehr wissen und Entscheidungen treffen. Das ist besonders problematisch, wenn sie gar nicht wissen können, welche Entscheidung gerade sinnvoll ist und die eigene Suchintention am besten widerspiegelt. 

2. Die Komplexität landet im Produkt

Ein gutes Produkt kann diese Komplexität im Hintergrund übernehmen.

  • Statt die Person nach einer Kategorie zu fragen, kann das System aus der Suchanfrage ableiten, wonach gesucht wird.
  • Statt eine Sortierung auswählen zu lassen, kann es standardmäßig die relevantesten Ergebnisse anzeigen.
  • Statt eine Fehlermeldung wie „Ungültige Eingabe“ auszugeben, kann es einen Tippfehler erkennen und die wahrscheinlich gemeinte Suche ausführen.
  • Statt den Nutzer mit zehn Optionen zu konfrontieren, kann es einen sinnvollen Standard setzen.

Gute digitale Produkte sind die Produkte, die die Komplexität vor den Endnutzer*innen verstecken.

Zwei Möglichkeiten, dieselbe Komplexität zu verteilen. Gute Produkte sind nicht die technisch einfachsten, sondern die, die sie an die richtige Stelle verschieben.

Wie lässt sich die Komplexität verstecken?

Drei Laws of UX, die erklären, warum das funktioniert

Um die Komplexität bestmöglich vor den Endnutzer*innen versteckt werden kann, hilft es zu verstehen, warum sich ein Produkt überhaupt einfach anfühlt. Hierbei helfen die sogenannten Laws of UX.

1. Tesler’s Law: Komplexität kann nicht verschwinden

Tesler’s Law, auch Law of Conservation of Complexity genannt, beschreibt eine zentrale Erkenntnis für die Gestaltung digitaler Produkte.

Jedes System hat eine grundlegende Komplexität, die nicht vollständig entfernt werden kann. Sie kann lediglich verschoben werden.

Genau das zeigt das Beispiel des Suchfelds: Ein System kann den Nutzer auffordern, Kategorie, Suchbereich, Zeitraum und Sortierung festzulegen, oder einen Großteil dieser Aufgaben automatisch übernehmen. Die zugrunde liegende Komplexität ist nicht verschwunden, sondern wurde vom Nutzer in das Produkt verschoben.

Tesler’s Law führt zu einer wichtigen Frage:

Welche Komplexität muss der Nutzer wirklich selbst bewältigen – und welche können wir übernehmen?

Für UX bedeutet das beispielsweise:

  • unnötige Entscheidungen reduzieren
  • sinnvolle Defaults definieren
  • Informationen priorisieren
  • komplexe Abläufe schrittweise strukturieren
  • Automatisierung ermöglichen
  • Sonderfälle berücksichtigen
  • Fehler sauber behandeln
  • Zustände und Abhängigkeiten im System abbilden

2. Hick’s Law: Weniger Entscheidungen fühlen sich einfacher an

Tesler’s Law zeigt, dass Komplexität grundsätzlich vorhanden ist. Hick’s Law beantwortet die Frage, wie viel davon der Nutzer gleichzeitig bewältigen muss.

Das Gesetz beschreibt vereinfacht den Zusammenhang zwischen der Anzahl verfügbarer Optionen und der Zeit, die Menschen für eine Entscheidung benötigen. Je weniger Auswahl wir bieten, desto geringer wird der Aufwand. Weitere Informationen können später ergänzt, vorgeschlagen oder automatisch ermittelt werden. 

Hick’s Law bedeutet, dass weniger Entscheidungen auf einmal häufig besser sind.

Für UX bedeutet das:

  • Auswahlmöglichkeiten priorisieren
  • Optionen gruppieren
  • progressive Offenlegung nutzen
  • sinnvolle Defaults setzen
  • Nutzer nicht mit Entscheidungen konfrontieren, die erst später relevant werden
Hick's Law am Beispiel der Hotelsuche: Zehn Felder auf einmal oder eine einzige Frage – der Rest wird später ergänzt.

3. Jakob’s Law: Vertrautes reduziert Lernaufwand

Selbst wenn ein Produkt wenig Entscheidungen verlangt, kann es sich kompliziert anfühlen, wenn jede Interaktion neu gelernt werden muss. Hier kommt Jakob’s Law ins Spiel.

Die Grundidee: Nutzerinnen und Nutzer verbringen den Großteil ihrer Zeit mit anderen digitalen Produkten und übertragen ihre dort gelernten Erwartungen auf neue Produkte.

Nutzerinnen und Nutzer

  • wissen, dass ein unterstrichener Text häufig ein Link ist,
  • erwarten, dass ein Logo zur Startseite führt,
  • kennen Suchfelder, Warenkörbe, Menüs und Buttons. 

Diese Erwartungen ersparen Lernarbeit. Ein Interface muss deshalb nicht jede Interaktion neu erfinden, um innovativ zu sein. Im Gegenteil: Vertraute Muster können komplexe Prozesse einfacher verständlich machen und nicht jede kreative Idee ist automatisch eine bessere Lösung.

Für UX bedeutet Jakob’s Law:

  • bekannte Interaktionsmuster nutzen
  • Konventionen nicht ohne Grund brechen
  • vertraute Begriffe verwenden
  • Navigation nachvollziehbar gestalten
  • Erwartungen der Nutzer berücksichtigen
Die drei Gesetze bauen aufeinander auf: Komplexität bleibt, wird verteilt, portioniert – und dann in vertraute Muster übersetzt.

Was einfache Produkte wirklich auszeichnet

Ein gutes Produkt versucht nicht, jede Komplexität zu beseitigen. Das wäre oft gar nicht möglich. Es versucht, sie richtig zu verteilen. Dafür helfen vier Fragen:

Vier Fragen, mit denen sich Komplexität sinnvoll verteilen lässt – statt sie beim Nutzer abzuladen.

Einfach ist nicht einfach

„Mach es einfach“ ist kein Gestaltungskriterium, sondern eine komplexe Aufgabe. Im Zentrum steht dabei eine wichtige Frage:

Welche Komplexität können wir übernehmen, damit der Nutzer sie nicht übernehmen muss? 

Denn Komplexität verschwindet nicht. Wir können sie auf den Nutzer abwälzen. Oder wir können ein Produkt bauen, das einen Teil davon für ihn löst. Die besten digitalen Produkte entscheiden sich für Letzteres.