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Content aus der Hüfte: So drehen Sie professionelle Videos mit dem Smartphone

Egal ob Interview, Home-Story, Promo-Video oder Live-Übertragung – in der medialen Welt ist Bewegtbild ein Muss. Kein Muss aber sind die dadurch vermeintlich hohen Produktionskosten, etwa für die Anschaffung von teurem Kameraequipement. Heute reicht es nämlich, das Smartphone zu zücken. Wie das funktionieren soll? Das erklären wir in diesem Blog.

Steven Soderbergh hat in nur zehn Tagen einen Kinofilm gedreht. Mit einem iPhone 7. 

“Unsane – Ausgeliefert” heißt der Streifen, der 2018 in die deutschen Kinos kam und für ordentlich Aufsehen sorgte. Okay – Soderbergh ist einer der renommiertesten Hollywood-Regisseure, gewann 2001 einen Oscar für die “Beste Regie” in “Traffic – Macht des Kartells”, arbeitete mit Stars wie Brad Pitt, Julia Roberts und George Clooney zusammen und brachte Filme wie “Out of Sight”, Ocean’s Eleven” und “Magic Mike” auf die Kinoleinwand.

Und trotzdem: Soderbergh macht’s ab sofort mit dem Handy. „Ich denke, das ist die Zukunft. […] Für viele Leute gibt es bei der Größe des Aufnahmegeräts eine philosophische Hemmschwelle. Die habe ich nicht”, so Koryphäe Soderbergh in einem Interview mit IndieWire im Januar 2018.

Nun müssen Sie wahrscheinlich nicht gleich einen 90-minütigen Hollywoodstreifen produzieren – und auch nicht zwingend mit einem iPhone. Aber vielleicht ein Interview, ein Promo-Video oder eine Live-Übertragung. Und dies gelingt bereits mit wenigen Tricks.

Überprüfung der Einstellungen

Bevor Sie loslegen können, sollten Sie sich mit den richtigen Voreinstellungen beschäftigen. 

Nutzen Sie ein iPhone, finden Sie im Bereich “Einstellungen” einen Bereich für die “Kamera”. Dort können Sie zwischen vier Auflösungen wählen: 720p HD (30 fps), 1080p HD (30 fps), 1080p HD (60 fps) und 4K (30 fps). Auf Android-Geräten finden Sie diese Einstellungsmöglichkeiten direkt in der Kamera-App, indem Sie oben rechts auf das kleine Zahnrädchen tippen. Dort findet sich der Reiter “Videogröße” .

Die Vor- und Nachteile der jeweiligen Einstellung sind schnell erklärt. 720p HD ist gleichbedeutend mit der niedrigsten Qualität, verbraucht dafür aber auch am wenigsten Speicherplatz. 1080p HD (30 fps) ist die Standardeinstellung. 

Auf dem iPhone finden sich die Video-Einstellungen unter "Video aufnehmen"
Gewählt werden kann in diesem Fall (iPhone 7) zwischen vier Aufnahmemodi.
Bei Android kommt man direkt über die Kamera-App in die Einstellungen
Auf dem Samsung Galaxy S7 kann man auch noch in VGA filmen.

Die gleiche Auflösung mit der höheren Frame-Rate (60 fps) verspricht ein flüssigeres Video – vorteilhaft bei schnellen Schwenks und actionreicheren Drehs. 

Wer sich keine Sorgen um seinen Speicherplatz machen muss, kann auf 4K schalten – muss allerdings aufgrund der 30 Frames pro Sekunde einigen Abstrichen bei der Stabilität des Videos hinnehmen.

Allgemein bleibt festzuhalten: Ein Bild aus einem Full-HD-Video hat 2,1 und ein Bild aus einem 4K-Video hat 8,3 Millionen Bildpunkte. Full-HD liefert eine höhere Bildfrequenz und stellt weniger Ansprüche an die Technik – 4K benötigt mehr Leistung und Speicher, wirft aber schärfere Bilder.

Die Wahl des passenden Ortes

Ein geeigneter Drehort ist enorm wichtig für die Qualität des Videos. Achten Sie auf den Hintergrund. Im Freien funktionieren schöne Landstriche, Häuserfassaden, Gärten oder beispielsweise eine Dachterrasse.

Wer im Inneren dreht, hat die Möglichkeit, für tolle Ausblicke zu sorgen. Wenn möglich sollte der Ort, an dem gerade gefilmt wird, erkenntlich werden. Das kann zum Beispiel ein unverkennbarer Ausblick aus einem Fenster im Hintergrund sein oder eine kurze Bildsequenz eines Wahrzeichens (die Hamburger Elbphilharmonie, die Münchner Frauenkirche, der Deutsche Bundestag, der Pariser Eiffelturm etc.).

Wichtig: Der Hintergrund darf nicht zu unruhig sein. Der Fokus des Zuschauers soll schließlich auf dem Protagonisten bleiben. Außerdem empfiehlt es sich, eine gewisse Raumtiefe zu erzeugen. 

Vorsicht auch bei copyrights und Nutzungsrechten. Logos, Werbetafeln oder ungewollte Nebendarsteller tauchen am besten erst gar nicht vor der Linse auf.

Bei gutem Wetter empfiehlt es sich, einen Interviewplatz im Freien zu suchen. Quelle: Medienstürmer

Gutes Licht ist Pflicht!

Natürliches, helles Licht sorgt für die besten Drehbedingungen. Deshalb sollte bei Gelegenheit tagsüber gefilmt werden. Niemals die Kamera gegen das Licht bzw. die Sonne richten. Ist die Lichtquelle im Rücken kann lichttechnisch quasi gar nichts mehr schief gehen. Achtung aber vor Schattenwürfen im Gesicht des Protagonisten.

Vielleicht habe Sie auch schon einmal von der Drei-Punkt-Ausleuchtung gehört. Sie ist die Grundlage der Lichtsetzung und besteht aus drei Lichtquellen: Führungslicht, Fülllicht und Spitzlicht. (Dies können zum Beispiel drei Bürotischlampen sein.) Das Führungslicht bestimmt die Herkunft des eigentlichen Lichts – des Hauptlichts – und steht meist in einem 45-Grad-Winkel links oder rechts neben Kamera. 

Das Fülllicht dient hauptsächlich zur Reduzierung der Schatten, welche durch das Führungslicht entstehen. Daher steht das Fülllicht meist auf der anderen Seite der Kamera, ebenfalls in einem 15-60-Grad-Winkel zur Kamera-Objekt-Achse. 

Die Aufgabe des Spitzlichts, auch Gegenlicht genannt, ist es, das Objekt vom Hintergrund abzuheben. Es entsteht mehr Tiefe und Dreidimensionalität. Das Spitzlicht wird hinter dem Objekt und somit meist genau gegenüber vom Führungslicht positioniert. 

So bitte nicht! In diesem Setting wird gegen das Licht gefilmt, sodass der Protagonist im Dunklen sitzt. Quelle: Medienstürmer

Der richtige Bildausschnitt

“Hältste ‘s Handy quer – siehste mehr!” – eine leicht zu merkende Regel. Und dennoch wird sie viel zu häufig missachtet. Wer im Querformat filmt, umgeht die lästigen schwarzen Balken links und rechts des Videos, sobald dieses nicht mehr auf einem Smartphone ausgespielt wird.

Ausnahme: Filmen Sie ausschließlich für Ihre Instagram-Story – respektive Instagram TV (IGTV) – sollten Sie im Hochformat filmen. Hier ist es nämlich genau anders herum.

Kommen wir zum Bildausschnitt: In einer Interview-Situation sollte der Befragte mindestens einen Meter entfernt sein und die Kamera stets auf Augenhöhe geführt werden.  Wechseln Sie – bei mehreren Interviewten –  die Blickrichtungen. Zum Beispiel: Interviewter A wird so gefilmt, dass er links-mittig (siehe auch “Goldener Schnitt”) zu sehen ist und sein Blick nach rechts Richtung Interviewer, der möglichst nahe neben der Kamera steht, gerichtet ist. Interviewter B wird dann rechts-mittig positioniert, Blickrichtung nach links.

Lassen Sie um den Kopf des Protagonisten genug Platz zu den Rändern. Durch Tippen auf das Gesicht setzt sich der Fokus automatisch. Quelle: Medienstürmer

Nicht vergessen: Fokus setzen!

Vermeiden Sie das Zoomen und halten Sie Ihre Hand so ruhig wie möglich (oder verwenden Sie im Idealfall ein kleines Stativ). Detail- oder Nahaufnahmen sollten in einem separaten Shot gefilmt werden – entweder vor oder nach dem Interview. 

Setzen Sie den Fokus stets auf das Gesicht – hierzu tippen sie hierzu einfach einmal auf Ihrem Bildschirm auf das Gesicht des Interviewten und die Kamera richtet sich automatisch aus.

Lassen Sie auch um den Kopf des Protagonisten herum genug Freiraum zu den Kanten – speziell nach unten, denn dort benötigen Sie später im Schnitt Platz für Untertitel oder Bauchbinden.

Guter Ton ist entscheidend

Zuschauer verzeihen es, wenn das Bild nicht ganz perfekt ist. Wenn der Ton aber extrem schlecht oder als störend empfunden wird, kommt Ihr Streifen bei keiner Jury dieser Welt gut davon. 

Grundsätzlich reicht das integrierte Mikrofon Ihres Smartphones für einen vernünftigen Ton. Wer sein Sound-Game auf ein neues Level heben möchte – oder hauptsächlich Interviews führt – sollte sich ein externes Mikrofon zulegen.

Vor allem bei häufigen Interview-Drehs lohnt sich die Investition in ein externes Mikrofon. Quelle: unsplash.com

Eigentlich selbsterklärend, aber oftmals vergessen oder unterschätzt: Ein ruhige Location ohne Echo. Das heißt: Am besten drehen Sie nicht in einer Kirche oder in der Nähe zu einem Marktplatz oder einer vielbefahrenen Straße. 

Falls das nicht möglich ist, ist es wichtig, den Lärmmacher entweder in einem kurzen Zwischenschnitt oder im Hintergrund zu zeigen. Grundsätzlich gilt es, den Ton vorab immer einmal zu testen.

Vor dem Schnitt: Datensicherung

Zu guter Letzt, bevor es in den Schnitt gehen kann, übertragen Sie – zur Datensicherung– die Videodateien auf Ihren Computer. 

Aber niemals per Mail oder sonstigem Messenger. Das schadet der Videoqualität. Verbinden Sie Ihr Smartphone stets per Kabel mit Ihrem Rechner und speichern Sie die Dateien in einem separaten Ordner. Schneiden können Sie das Video entweder auf dem Handy oder dem Computer.

Übrigens: Steven Soderbergh ist so überzeugt von seiner neuen Art des Filmemachens, dass er in Zukunft ausschließlich mit dem iPhone produzieren möchte. “Ich sehe das als eine der befreiendsten Erfahrungen, die ich jemals als Filmemacher gemacht habe und immer noch mache. Der Erfolg, den ich Moment für Moment gespürt habe, war so bedeutend, dass für mich hier ein neues Kapitel beginnt.“ 

Anfang 2019 prämierte Soderberghs zweiter iPhone-Film “High Flying Bird” auf Netflix.

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